Unerwarteter Besuch


Neulich klopfte es an meiner Tür. Eine beeindruckende Gestalt stand im Flur, als ich öffnete. Gut gebaut, angenehme Gesichtszüge, bestens gekleidet, und seine ganze Haltung signalisierte, schaut her, das Schicksal meint es gut mit mir. Kurz, er war mir auf Anhieb unsympathisch.
»Wer sind Sie?« fragte ich mißtrauisch.
»Ich bin der Erfolg«, deklamierte er selbstbewußt.
»Tut mir leid«, sagte ich, »falsche Adresse«, und wollte rasch die Tür schließen. Er aber schob einen Fuß dazwischen und stoppte mich.
»Bitte, ich brauche jemanden zum Reden!« klang es jetzt fast kleinlaut durch den Spalt. »Aber niemand hört mir zu!«
Seufzend zog ich die Tür auf und winkte ihn herein. »Dann sind wir schon zu zweit. Auf mich hört auch keiner!«
Gegen ein Pläuschchen unter Leidensgenossen hatte ich nichts einzuwenden.
»Worum geht’s denn nun genau?« wollte ich wissen, nachdem er Platz genommen hatte. Er starrte düster vor sich hin und schien innerlich Anlauf zu nehmen für seinen Ausbruch. Dann platzte es aus ihm heraus.
»Immer muß ich den Menschen recht geben. Und das ohne vorher gefragt zu werden!« beschwerte er sich.
»Wie meinen Sie das?«
Er blickte auf. »Wir können uns ruhig duzen!«
»Gerne …« Na toll, dachte ich, ich bin mit dem Erfolg per du. Fast hätte ich laut aufgelacht.
»Du kennst doch diesen Spruch«, fuhr er vertraulich fort. »Der Erfolg gibt ihm recht. Ich kann’s schon nicht mehr hören. Egal mit welchem Scheiß einer rauskommt, sobald genügend Deppen ihm das abkaufen, werde ich zitiert: Der Erfolg gibt ihm recht. Gegen meinen Willen werde ich auf den Plan gerufen und muß dem letzten Dreck meinen Segen geben. Jawohl, so ist es, ich, der Erfolg, gebe ihm recht. Zum Kotzen ist das! Und meinst du, nur ein einziges Mal käme jemand auf die Idee, mich vorher mal zu fragen? Pustekuchen!«
Wir tranken dann noch eine Weile Hochprozentiges, während er mir sein Leid klagte und ich mitfühlend zuhörte. Es zahlte sich aber nicht aus, denn am nächsten Morgen war er schon wieder verschwunden. Und recht gegeben hätte er mir sowieso nicht.

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Über Lennek

Richard Lennek (* 1925 in Wattenscheid-Höntrop, † 1983 in Essen), Sternengucker, Hobbydichter und leidenschaftlicher Sammler von Kuriosa. Nach Notabitur und Astronomie-Studium zeitlebens an der Sternwarte Bochum angestellt.
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